Version 2.0
PDF Drucken E-Mail
Ein kleiner Blick in die Geschichte
Autor: Heiko Brunken, 10. September 2013

 

Vorstellung des Projektes auf den Tagungen der Gesellschaft für Ichthyologie e.V.


2001 Wien - Heiko Brunken - erste Idee

2005 Bonn - Heiko Brunken & Corinna Brunschön - erste Version "Digitaler Fischartenatlas von Deutschland"

2009 Hamburg - Heiko Brunken & Martin Winkler- Weiterentwicklung zum "Fischartenatlas von Deutschland und Österreich"

2013 Bonn - Heiko Brunken & Martin Winkler - Vorstellung der völlig überarbeiteten Version 2.0 "Fischfauna-online - Fischartenatlas von Deutschland und Österreich"

 

Werdegang

Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main

Die allerersten Ideen zu einem von mehreren Schultern getragenen Gesamtwerk über die Fischfauna im deutschsprachigen Raum entstanden in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Anton Lelek in der Sektion Ichthyologie II am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main in den 1980/90er Jahren. Seinerzeit wurde endlich auch im deutschsprachigen Raum dem Thema Fischökologie zunehmend mehr Beachtung geschenkt. Dementsprechend wuchs die Menge an verfügbarer Literatur. Eine monografische Bearbeitung einer deutschsprachigen Fischfauna erschien von einer Person allein kaum mehr bewältigt werden zu können. Warum also die Arbeit nicht auf mehrere Schultern verteilen? Bei etwa 100 Fischarten wären doch nur etwa 100 engagierte Kollegen und Kolleginnen zusammenzubringen, um nach dem Motto "Pro Person eine Art" ein gemeinsames Werk zu schaffen. Das aufkommende Internet schien diese Idee in greifbare Nähe zu bringen. Und wenn schon Bestimmungsschlüssel und Artbeschreibungen, dann doch auch gleich entsprechende Verbreitungskarten. Die um diese Zeit entstehenden Fischartenkataster (zum Beispiel der Bundesländer) machten aber stets an den Bearbeitungsgrenzen halt. Warum also nicht einmal alle nebeneinander legen? Und plötzlich gab es eine deutschlandweite Verbreitungskarte z.B. für den Hecht. Wenn auch nur mit Papier und Schere.

Hochschule Bremen - AG Fischökologie

Seit dem Jahr 2000 bestand die Möglichkeit, die ersten Ideen im Rahmen von studentischen Projektarbeiten an der Hochschule Bremen weiterzuentwickeln. Im neu gegründeten Internationalen Studiengang Technische und Angewandte Biologie ISTAB fand sich schnell eine aktive Arbeitsgruppe Fischökologie (Prof. Dr. Heiko Brunken) zusammen. Hier wurden die ersten Ideen konkretisiert.

Gesellschaft für Ichthyologie e.V. und AG Fischökologie

Was war naheliegender, als das junge Projekt bei der Gesellschaft für Ichthyologie anzusiedeln, passte es doch genau in deren satzungsgemäßen Ziele und der Autor dieser Zeilen gehört schließlich zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft? Das Projekt wurde dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn (Dr. Rüdiger Bless) vorgestellt, und die GfI bekam 2003 eine kleine Anschubfinanzierung für die Anschaffung einer Datenbanksoftware und einige studentische Hilfskraftstunden. Daten (vor allem Verbreitungsdaten aus den sehr verschiedenen Fischartenkatastern) wurden abgeschrieben und an der Hochschule Bremen in einer großen Exceltabelle zusammengefasst. Das BfN förderte dann auch einen Expertenworkshop auf der Insel Vilm (Außenstelle des BfN). Dessen Ergebnis war ein erstes Pflichtenheft für einen "Fischartenatlas von Deutschland". Corinna Brunschön gelang es im Rahmen ihrer Diplomarbeit "Fischartenatlas von Deutschland - Konzeption und Datenmanagement eines digitalen Verbreitungsatlas der Süßwasserfische Deutschlands" eine erste vollständige Version (mit einer Datenbank und einem Kartenserver im Hintergrund) zu entwickeln und mit Hilfe des Studiengangs Medieninformatik der Hochschule Bremen ins Netz zu stellen. Nun fehlten neben den Karten "nur noch" die Inhalte, speziell was die Artbeschreibungen betraf. Die ursprüngliche Idee "pro Person eine Art" ließ sich in der Praxis jedoch nicht vollständig realisieren. Für den Fischartenatlas gab es weder Geld noch Ruhm. All die engagierten Kolleginnen und Kollegen - einschließlich der Unterzeichner dieser Zeilen - mussten sich anderen Prioritäten unterordnen.

Dennoch ging es mit dem Atlas weiter. Nicht so schnell wie erhofft, aber beständig. Die sehr guten kollegialen Kontakte in der Gesellschaft für Ichthyologie machten es möglich, auch die Fischarten von Österreich mit einzubeziehen (Prof. Dr. Robert Patzner). Hinzu kamen gleichzeitig noch die Meeresfische der deutschen AWZ (ausschließliche Wirtschaftszone) in Nord- und Ostsee. Realisiert wurden die Weiterentwicklungen durch zwei Bachelorarbeiten wiederum an der Hochschule Bremen: "Österreichs Fischfauna im internetbasierten Fischartenatlas - Funktionale, konzeptionelle und inhaltliche Erweiterung des Digitalen Fischartenatlas von Deutschland (Martin Winkler 2006) und "Integration der Fischfauna von Nord- und Ostsee in den Digitalen Fischartenatlas von Deutschland und Österreich - Datenmanagement- und Darstellungskonzept von Verbreitungsdaten in den deutschen Küstengewässern und der AWZ" (Martin Sperling 2006).

Das Internet ...

... entwickelte sich schneller als erahnt. Web-Portale und dezentrale Datenbanken wurden auch für einfachere Anwendungen möglich und sinnvoll. Als dies erforderte die Umstellung der schlichten ersten Version auf neue Techniken. Mit einem so genannten Content Management System (CMS) konnten Daten nun schnell verwaltet und redaktionell aufbereitet werden. Wir entschieden uns für die open-source Software Joomla!-CMS. Der "Fischartenatlas von Deutschland und Österreich" wurde ständig um fischkundliche Informationsangebote erweitert. Ein Großteil der Arbeiten wurde wiederum über Projekt- und Studienarbeiten sowie zahlreiche ehrenamtliche Stunden der AG Fischökologie an der Hochschule Bremen realisiert. Der Fischartenatlas wurde bei fischkundlich interessierten Personen und Institutionen zunehmend nachgefragt.

Kleine Dämpfer

Je umfangreicher das Projekt hinsichtlich Datenmenge, Benutzerfreundlichkeit und Technik wurde, je größer wurde auch die Erwartungshaltung der User. Die Artseiten kamen in ihrer Qualität - von wenigen ganz hervorragenden Ausnahmen angesehen - aber kaum voran. Auch die Aktualisierung der Verbreitungsdaten wurde zum Problem. Trotz umfangreicher Datenmengen und zahlreicher Informationsangebote hieß es zunehmend öfter: "Da steht doch nichts drin". Einige Versuche, das von Anfang an auf ehrenamtliche Zusammenarbeit ausgelegte Projekt besser aufzustellen, verliefen ergebnislos. Viele angefragte Partner wie Stiftungen oder Bundesämter "winkten ab", im Kontext von seinerzeit noch in der Planung befindlichen FFH-Gebieten waren auch mit öffentlichen Geldern erhobene Verbreitungsdaten plötzlich "streng geheim", eine offizielle Anfrage an die Fischereireferenten der deutschen Bundesländer nach Unterstützung des Projektes wurde im Mai 2010 mit folgendem Wortlaut beschieden: "Die Teilnehmer der Beratung sind darüber einer Meinung, dass keine aktive Unterstützung erfolgen soll."

Internationale Kooperationen

Gleichzeitig bekam die Arbeit am Atlasprojekt aber Rückenwind aus einer ganz anderen Ecke dieser Welt. Kooperationen zwischen der Hochschule Bremen mit Universitäten in Brasilien (Recife, Pernambuco) machten plötzlich deutlich, dass hier mittlerweile ein nicht zu unterschätzendes Knowhow zur einfachen Verwaltung und Kommunikation von Biodiversitätsdaten entstanden war - und das alles open-source-basiert und einfach anzuwenden! Brasilien ist für seinen ungewöhnlichen Fischreichtum bekannt. Und so war es eine Freude, im Rahmen von Technologietransfer die hier gemachten Erfahrungen auf die dortigen Verhältnisse zu übertragen (Danke an dieser Stelle auch hier an die GfI für eine Anschubfinanzierung!). Der "Fischartenatlas von Pernambuco" und ein "Atlas zur Herpetofauna von Pernambuco" sind nur einige Beispiele für die engagierte binationale Zusammenarbeit und die Potentiale, die in dem Atlas-Projekt stecken.

Kleine Dämpfer II

Die oben aufgezeigten Probleme am "Fischartenatlas von Deutschland und Österreich" waren aber trotz guter Fortschritte in Brasilien (und natürlich auch am hiesigen Atlas) nicht wegzudiskutieren. Wie all die neuen Daten aktualisieren? Woher die Artbeschreibungen nehmen? Das Projekt stand 2012 quasi vor dem Aus. Für eine kleine Arbeitsgruppe allein erschien das Arbeitspensum ohne jegliche personelle oder finanzielle Unterstützung nicht mehr bewältigbar zu sein. Still und leise wurde im Juni 2012 das "Ableben" des Atlanten verkündigt. Doch Totgesagte leben länger!

Arbeitsgruppe Biodiversität an der Hochschule Bremen

Über die neuen technischen Möglichkeiten der internetbasierten Geodatenverwaltung kamen an der Hochschule Kontakte zwischen den Studiengängen Informatik (Prof. Dr.-Ing. Heide-Rose Vatterrott) und Biologie zustande. Die InformatikerInnen fanden Interesse am Thema, es lockten über 150.000 Verbreitungsdaten aus einer realen Lebenswelt - ideal für IT-ausgerichtete Forschungs- und Studienarbeiten. Schnell war eine informelle "Arbeitsgruppe Biodiversität" ins Leben gerufen, InformatikerInnen lernten Worte wie Biodiversität oder Ukelei, BiologenInnen ihrerseits Begriffe wie Performance oder Serverarchitektur. Kurzum, das Projekt bekam neues Leben. Im Rahmen von Studienarbeiten (Carl-Heinz Genzel 2011: Web GIS Erweiterung des CMS Joomla! im Kontext der Biodiversität; Konstanze Steinhausen 2012: Entwicklung einer mobilen Anwendung zur Erfassung und Visualisierung von Biodiversitätsdaten) wurde eine völlig neue Datenbankstruktur entwickelt und die bestehende Softwarelösung "Fischartenatlas" in eine allgemein einsetzbare Kartierungssoftware für Biodiversitätsdaten, den "Biodiversiätsatlas" umgearbeitet. Diese ist nun eine eigenständige Komponente für das Joomla!-CMS.

Fischfauna-online - Der Atlas im neuen Kleid

Am 21./22. September wird das Projekt unter dem Namen "Fischfauna-online - Fischartenatlas von Deutschland und Österreich Version 2.0" auf der Jahrestagung der GfI in Bonn vorgestellt. Und kaum ist die Web-2.0-basierte Neuauflage fertig, so denken wir schon über Weiterenwicklungen nach. Im Vordergrund einer künftigen Version 3.0 werden dann echte GIS-Optionen stehen sowie Tools zum automatischen Import und Export von Daten. Als Nahziel wird eine Verknüpfung mit GBIF angestrebt, denn es sollen mit dem Atlas keinesfalls Dateninseln geschaffen werden. Schauen wir mal, wie´s weitergeht!

 

Bremen, 10. September 2013

Heiko Brunken

Gesellschaft für Ichthyologie e.V.

 

Fischfauna-online wird gemeinsam herausgegeben von der Hochschule Bremen und der Gesellschaft für Ichthyologie e.V. Es verfolgt keinerlei finanzielle Interessen, wird rein ehrenamtlich betrieben und sieht sich dem Gedanken des freien Zugangs zu Umweltdaten für Bildung, Umwelt- und Naturschutz sowie Forschung und Lehre verpflichtet.

 

 

.